Erschienen am: 1772546485

Das zweite Großprojekt

Die Katasteruraufnahme (1808-1868)

Die Katasteruraufnahme ist das zweite Großprojekt der Bayerischen Vermessungsverwaltung. In der Zeit zwischen 1808 und 1868 wurden über 21 Millionen Grundstücke in Bayern links und rechts des Rheins vermessen und auf 25.764 Messtischblättern, den sog. „Uraufnahmen“ graphisch dargestellt. Alle Grundstücksgrößen, Liegenschaften, Bonitäten, Nutzungsarten und Eigentümer wurden samt deren Erwerbungstitel ermittelt und in den Katasterbüchern von 8493 Steuergemeinden registriert. Die Uraufnahme ist unter www.bayernatlas.de, Basiskarte „Historische Karte“, in den höheren Zoomstufen abrufbar.

Die Arbeiten für dieses Großprojekt begannen unmittelbar nach der von König Max I. Joseph gegründeten „Königlich Unmittelbaren Steuervermessungs-Kommission“ am 27. Januar 1808. Das Ziel der neuen eingesetzten Kommission war es, durch eine systematische und genaue Detailvermessung des Flächeninhalts sämtlicher Grundstücke in ganz Bayern die Grundlage für eine gerechte und einheitliche Besteuerung von Grund und Boden zu schaffen, denn zuvor war die Besteuerung uneinheitlich und es existierten 114 unterschiedliche Grundsteuersysteme.

Die Vermessung der über 21 Millionen Grundstücke erfolgte mit dem sog. „Messtischverfahren“, das bis 1872 beibehalten wurde. Als technisches Instrument wurde die Tachymeterkippregel verwendet, mit der der Höhenwinkel vom Beobachtungsstandpunkt zu einem bestimmten Geländepunkt und zugleich dessen Entfernung erfasst werden konnte. Die Messtischblätter wurden mit Bleistift unmittelbar im Gelände erstellt. Der Grundmaßstab war 1:5000. Die Größe eines Messtischblattes betrug 0,467 m x 0,467 m. Anschließend wurden die im Gelände erstellten Messtischblätter mit Tusche nachgezeichnet und koloriert.

Die Erarbeitung der Messtischblätter im Gelände war äußerst beschwerlich und die einzelnen Arbeitstage waren lang. In einem kuriosen Zirkular zur „Erhaltung des Arbeitsfleisses im Felddienst“ wurde deswegen auch nur der Besuch von „wirklichen“ Ehefrauen an Feiertagen, nicht aber von Freundinnen gestattet: „Obwohl man in dem Anhange zur Nachtragsinstruktion vom 25. März 1810 verordnet hat, dass die verheirateten Geometer, so lange sie mit geometrischen Arbeiten im Felde beschäftigt sind, ihre Frauen zu Hause lassen und von ihren Geschäften entfernt halten sollen, so hat man doch missfällig vernehmen müssen, dass einige derselben dieser Verordnung nicht nachgelebt, ja sich sogar erlaubt haben, unter dem Titel ihrer Frauen Kebsweiber bei sich zu führen. Da aus mehreren dem Geschäfte sowohl als der Ehre der Kommission nachteiligen Rücksichten dieser Unfug nicht länger gestattet werden kann, so will man dieses Beisichführen und gleichsam Einquartieren sowohl eigener als auch fremder Frauen hiemit mit dem Anhange ein für allemal verboten haben, dass derjenige, welcher nicht eine Spezialerlaubnis hierüber nachweisen kann, auf Betreten ohne weiteres vom Geschäfte entlassen werden soll. Die Lokalkommissarien sind beauftragt, hierüber zu wachen und, wo sie es nötig finden, zu berichten. Übrigens bleibt den wirklich verehelichten Geometern nicht benommen, auf erhaltene Erlaubnis von den Lokalkommissarien entweder Besuche von ihren Gattinnen an Feiertagen zu erhalten oder zu geben; nur haben solche Besuche auf eigene Rechnung zu erfolgen.“ (zitiert nach: Josef Amann, S. 350.)

Hergestellt und vervielfältigt wurden die Kartenblätter in der am 10. Juni 1808 eröffneten „Lithographischen Anstalt“ (Steindruckerei). Dort wurde erstmals das von Alois Senefelder (1771-1834) erfundene bahnbrechende Steindruckverfahren eingesetzt. Dieses Verfahren war sehr viel schneller und vor allem kostengünstiger als das bisherige Kupferstichverfahren.

Die Original-Steinplatten der ersten flächendeckenden Grundstücksvermessung Bayerns werden im „Steinkeller“ des Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung aufbewahrt und können genauso wie die Druckhistorische Werkstätte, die an die „Lithographische Anstalt“ erinnert, nach vorheriger Anmeldung unter www.ldbv.bayern.de/aktuell/ausstellungen/ im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Quelle: Josef Amann: Die bayerische Landesvermessung in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Erster Teil. Die Aufstellung des Landesvermessungswerkes 1808-1871. München 1908.